Warum wir trotz allem versuchen, revolutionäre Praxis zu erproben.
Das Problem ist, das die Ausbeutung von Tieren ein gesellschaftlich nicht geächtetes sondern
anerkanntes, da profitables Verfahren ist, das mit den gesellschaftlichen, also
spät-kapitalistischen, Verhältnissen unlösbar verbunden ist.
Die heutige industrielle Form von Tierausbeutung ist logische Konsequenz des Wirtschaftssystems.
Jedem Produkt, und das sind auch Tiere und Menschen, wird ein Wert zugerechnet, der von Angebot
und Nachfrage geregelt wird.
Wird ein Teil der Industrie, in diesem Fall der Tier- und Tierprodukte verarbeitende, boykottiert,
werden immer auch die Menschen, die in diesem Teil arbeiten, benachteiligt, indem ihr Arbeitsplatz
und damit ihr gesellschaftlicher Wert gefährdet wird.
Diese Menschen sind in einem System aufgewachsen, dass Profiten alles andere unterordnet und in dem die
von ihnen ausgeübte Tätigkeit nicht als (moralisch oder rational) falsch angesehen wird.
Sie sind also nur bis zu einem gewissen Grad zur Verantwortung zu ziehen.
Für viele Menschen, vielleicht sogar für ehemalige VeganerInnen, sind diese Erkenntnisse
eine Begründung [oder eine willkommene Ausrede?] dafür, nicht [mehr] vegan zu leben und zu
behaupten, sie seien durch die vom Kapitalismus verursachte Entfremdung so sehr in Bedürfnissen
gefangen, die es gilt, zu befriedigen, dass für ein derartiges "Verzichten" kein Platz mehr sei,
da es in einem falschen System keine richtigen Handlungen gäbe.
Das wir uns dafür entschieden haben, so weit es uns möglich ist, vegan zu leben,
heißt nicht, dass wir glauben, damit unseren Teil zur Weltrettung schon getan zu haben.
Uns ist auch klar, dass wir uns damit kein Stück aus der nur an Wert und Gegenwert orientierten
Gesellschaft gelöst haben.
Wir sind uns aber sicher, dass es richtig ist, Konsequenzen aus einer erweiterten Perspektive zu
ziehen und zu versuchen, in allen Bereichen etwas dafür zu tun, das die erkannten
Missstände beseitigt und Leid verhindert wird.
Die Argumentation, das bereits als abzulehnend erkannte, entfremdende System schaffe
Bedürfnisse, die, auch als solche erkannt, in jedem Fall befriedigt werden müssen, auch
wenn sie die durch kritische Betrachtung entdeckten Unterdrückungsformen bedienen, ist nicht
schlüssig. Mit dieser Begründung wäre es möglich, beliebige andere Handlungen
zu rechtfertigen, indem Rationalität und Verantwortung Bedürfnissen untergeordnet werden.
Der Mensch ist bis zu einem gewissen Grad alleine verantwortlich für sein Tun und und damit auch
für das Leid, dass er schafft oder nicht zu verhindern versucht.